Ein weihnachtliches Vorrangzeichen

Eine Bildmeditation zum Weihnachtsfest von Bischof Hermann Glettler in der Kichenzeitung Tiroler Sonntag.

Nahe beim Gehweg, seitlich an der Straße, unerwartet ein Stern. Eine humorvolle, sinnlose Kombination, sympathisch und unverständlich zugleich. Ein Straßenzeichen oder ein Irrtum? Relikt einer abgeschlossenen Baustelle? Unser Leben gleicht ja oft einer tatsächlichen Baustelle.

Begegnet uns hier ein weihnachtlicher Stern? Natürlich nicht der Stern Davids, der über Juda aufgegangen ist – auch wenn er ihm überraschend gleicht. Dennoch ein eigenartiger Wegweiser wie damals für die Gelehrten aus dem Osten. Sie hatten ganz deutlich einen Stern vor Augen. Ohne ihn waren sie verloren, ziellos umherirrend – so wie wir. Der Stern war ihr verlässliches GPS. Sie nahmen den Weg durch die unendliche Landschaft menschlicher Sehnsucht. Eine Sehnsucht nach Gott – mitten im Leben, mitten auf der Straße. Nicht in der idyllischen Ecke einer weltflüchtigen Frömmigkeit. Sehnsucht nach einem Gott, der selbst unterwegs ist. Weil die Liebe immer unterwegs ist, um den Nächsten zu suchen. Ein Vorrangzeichen für Gott, damit unser Leben nicht leer bleibt – und unsere Wege letztlich ans Ziel führen. Stern über Betlehem. Wegweiser für den „neuen Weg“, wie man die Gemeinschaft der ersten Christen nannte.

Wer oder was hat denn nun Vorrang? Der in Allem souveräne Mensch, der alles kontrolliert und in der Hand hat? Vorsicht Baustelle! Vorsicht Arbeit? Nein, Vorsicht vor der Überschätzung menschlichen Tuns. Gott selbst will handeln. Das Wesentliche muss sich der Mensch schenken lassen. Jetzt ist es Zeit, zu feiern. Gott ist Mensch geworden. Das Fest unterbricht unsere Geschäftigkeit. Dennoch ist auch Spiritualität mitunter Arbeit. Es ist die tägliche Mühe, um den Raum freizuschaufeln, dass wir Hörende bleiben, innerlich bewegt, aufmerksam und aufnahmefähig. Nicht zugetextet mit dem verheerenden Zuviel an Informationen und News.

Ja, Gott ist am Werk. Weihnachten ist sein Werk. Sein Wort ist Fleisch geworden. Er hat sich den Weg zu uns freigeschaufelt. Sein Stern überrascht uns. Das Leben hat nun Vorrang, nicht mehr der Tod! Fürchte Dich nicht! Licht aus der Höhe, um Dich zu finden. Licht aus der Höhe, um Dir zu begegnen. Gott hat ein Zeichen gesetzt, um Dich zu berühren.

 

Hermann Glettler, Bischof von Innsbruck

Der Betrag erschien in der Ausgabe des Tiroler Sonntag vom 21. Dezember 2017.