Trost aus der Tiefe

Im März 2013, rund sechs Wochen nach seinem Tod, hätte Bischof Reinhold Stecher in München einen Einkehrtag für Seelsorger halten sollen. Unter den Unterlagen in Stechers Wohnung hat Nachlassverwalter Dr. Paul Ladurner ein handschriftliches Manuskript mit dem Titel „Trost aus der Tiefe: der Geist“ gefunden. Im Tiroler Sonntag wird der Text nun erstmals veröffentlicht.

Dr. Reinhold Stecher, Altbischof von Innsbruck
München, Einkehrtag für Priester, 4. März 2013  

Trost aus der Tiefe: Der Geist

Die Begegnung mit dem dynamischen Gott

Ein Rückblick auf mein Leben an sich ist nicht besonders spannend. Liebe Mitbrüder, Ihr braucht etwas anderes als einfach die Memoiren eines uralten Bischofs. Was wir brauchen, ist der Trost aus der Tiefe und darum möchte ich Euch an diesen Trost aus der Tiefe erinnern, den unser Herr uns gegeben hat, nämlich den Heiligen Geist. Und da darf ich jetzt die Erfahrungen des Lebens ein wenig miteinbringen, weil für mich der Gedanke und die Verehrung für den Heiligen Geist zum spirituell Wichtigsten geworden sind. Die „Ruach“ (dieses Wort schreibt der Bischof in hebräischer Schrift), der Gottesgeist, der so wie die Weisheit ein überwältigendes Theologumenon des Alten Testamentes ist. Wie mir seinerzeit mein Bischof zu doktorieren befohlen hat, habe ich mich 4 Jahre lang mit dieser Vorstellung einer geheimnisvollen Dynamis, die von Gott ausgeht und formend und helfend und heilend die Welt, die Geschichte und das Menschenherz umgreift,intensiv befasst – und bis heute habe ich diese Mühe nie bereut. Geist und Weisheit – am eindrucksvollsten dargestellt in dem Buche der Weisheit Salomons (Weisheit 7, 22 -26). Dieses sanfte Walten des Geistes ist kein „Es war einmal“, sondern lebendige Gegenwart bis in diese Stunde.

Ich verschließe die Augen nicht vor dem Dunkel in Welt und Kirche, in Enttäuschungen und Frust, im Umsonst von Wünschen, Vorschlägen und Beschwerden, die ich so erlebt habe wie die Meisten von euch. Aber mitten in diesen ziehenden Nebeln strahlt die Sonne des Geistes auf. Ich habe ihn erfahren und erfahre ihn als Lichterscheinung. Und deshalb bleibe ich bei Lichtbildern:

 

1. Das erste Lichtbild ist der Scheinwerfer (die orientierende Seite des Geistes). 

Der Scheinwerfer des Autos tastet sich in der Nacht voraus, auch wenn rundherum die Welt und die Landschaft im Dunkeln bleibt. Der Scheinwerfer zeigt mir die Straße, die Begrenzungslinien, die Randsteinstrahlen, zeigt mir die Kurven an, erhellt Hinweistafeln, Warntafeln, Abzweigungen, Entfernungen. Kurz gesagt: Er zeigt mir, WORAUF ES ANKOMMT, DAMIT ICH MEIN ZIEL ERREICHE. Und genau das ist die Formulierung der Weisheit, der Gabe des Geistes: Nicht alles wissen, Nein, erfassen, worauf es ankommt!

Die tiefe Wertsicht, die Einschätzung dessen, was wichtig ist und was nicht. Das ist nicht an akademische Grade gebunden. Aus ganz einfachen, schlichten Menschen kann diese Gabe der Weisheit herausstrahlen. Wir müssen beten, dass uns der Geist immer wieder diesen Scheinwerfer einschaltet. Gerade wenn man pastoral und spirituell überbeansprucht ist, wenn Herausforderungen und Aufgaben menschlich schwierig zu bewältigen sind: Das Wesentliche erkennen und tun, so gut man kann.

Wir müssen beten, dass wir auch theologisch erkennen, worauf es ankommt. Was ist die zentrale Botschaft Jesu, was ist wirklich Dogma und de fide divina, und was nicht, was ist sekundär, menschliche Ordnung, zeitgebunden, zweitrangig.

Und wir müssen um den Scheinwerfer in der Kirche beten, weil da auch die Gefahr droht, dass das passiert, was Jesus so hart und intensiv und zeitlos am Pharisäismus ausgestellt hat: „Ihr gebt Gottes Gebot preis und haltet Euch an die Überlieferungen der Menschen …“ (MK 7, 8). Wir müssen um den Scheinwerfer beten, weil die Herde auf der Strecke bleibt. Und wir müssen um denScheinwerfer im ökumenischen Bemühen beten: Damit man auf beiden Seiten erkennt, worauf es ankommt. Je tiefer man in das Wesen der Sache Jesu eintaucht, umso näher kommt man sich. Aber auch das ist Geschenk des Geistes.

  

2. Das zweite Lichtbild für den Heiligen Geist ist anderer Art: 

In Tirol gab es Wolframbergwerke, und ich habe sie als Priester besucht. Die Bergleute in den dunklen Stollen hatten Speziallampen, mit denen sie das Gestein anleuchteten. Und wenn der Lichtstrahl auf Schellit traf, das wolframführende Gestein, leuchtete es auf, mitten im kalten, toten Fels, und so wurde es abgebaut.

Es gibt eine Gabe des Heiligen Geistes, die für uns Seelsorger und die ganze Kirche von heute eine große Bedeutung hat und die ich mit der Wolframlampe vergleichen möchte. Die Fähigkeit, das Gespür, die Sensibilität, das Gute im Menschen und in der Welt von heute zu erkennen, es zu akzeptieren, sich daran zu freuen, es da und dort zu motivieren.

Man muss die negativen Dinge sehen und manchmal auch beim Namen nennen, aber der Blick für das Gute, das Positive, das zu Bejahende verändert die Welt und nicht das ständige Gejammer über alles Böse und alle Skandale. Im pädagogischen Bereich, in dem ich 25 Jahre tätig war, ist das ganz evident: Motivierend für den Schüler sind nicht die roten Korrekturen – die braucht es auch – motivierend ist die positive Zuwendung, der Glaube an Fähigkeiten, das positive Vorurteil, die Anerkennung des Guten.

Und so ist es in der Pastoral. Wir brauchen die Wolframlampe des Geistes, damit wir motivierend in dieser Welt wirken können. Wir brauchen sie, damit wir Mitarbeiter bekommen, und wir brauchen sie, damit wir über die Grenze der sichtbaren Kirche hinaus das werden, von dem man oft mit großen Worten spricht: Ein Zeichen für das Heil. Auch wenn es lange, dunkle Stollen gibt – es leuchtet auch heute Vieles auf, weil der Geist im ganzen All weht und die Erde erneuert. Wir müssen nur bitten, dass wir im Frust des Alltags nicht die Wolframlampe fallen lassen.

Johannes XXIII – er hatte diesen Blick – und hatte das positive Echo in der Moderne.

 

3. Das dritte Lichtbild: "Das ewige Licht".

Der Trost der Intimität (Diesen Punkt hat Bischof Stecher leider nicht mehr näher ausgeführt.)

 

4. Und nun noch ein viertes Lichtbild für das Walten des Geistes: 

Das Kronennordlicht. Die tröstliche Schau.
Es ist eine Erinnerung, eine positive Erinnerung an eine Zeit, die an sich schrecklich war. Wir hatten im Herbst und Winter 1944 2000 km Rückzug durch Finnland und Lappland zurückgelegt, 800 km auf Schiern und nie mit einer anderen Behausung als einem lausigen Zelt ohne Boden. Und wir waren immer weniger geworden. Und wir hatten die schlechteste aller Aufgaben, wir waren nämlich die Nachhut. Und nun hatten wir endlich in einer kalten Polarnacht das norwegische Hochgebirge erreicht. Wir waren unser 10, die allerletzte Nachhut von 300.000.  Wir waren erschöpft, ausgepumpt, hungrig, alles Essen war gefroren, das Stück Brot im Hosensack taute nicht einmal nach 40 km Langlauf auf. Und nun standen wir auf dem Hochgebirgspass, von dem aus es hinunter zum Nordmeer ging. 

Und da erlebten wir ein einmaliges Naturphänomen: Ein Kronennordlicht.

Plötzlich war in der sternenklaren Nacht ein heller Lichtstreif rund um den ganzen Horizont. Und von diesem Lichtstreif schossen Strahlen zum Zenit hinauf, zum Polarstern, der dort senkrecht über uns stand. Das Ganze war wie eine leuchtende Kaiserkrone, und durch die Lichtstrahlen schimmerten die Sterne wie Edelsteine. An sich waren wir damals stumpf für solche Schönheiten, aber ich habe den Anblick des dunklen, aber erhellten Weltalls, in dem alle Strahlen sich in einem Zentrum treffen, nie vergessen. Auf dem Boden Elend, Angst, Müdigkeit, Tod, Hunger und Kälte – und doch darüber das erleuchtete All. 

Normalerweise hat Reinhold Stecher jeden Vortrag mit einer Zusammenfassung zu Ende geführt. Dies war ihm hier offenbar nicht mehr möglich. Damit ist es jedem Leser überlassen, für sich selbst das Fazit aus diesen Ausführungen zu finden.  

 

Gedenken an Bischof Reinhold Stecher:

  • Am Samstag, 28. Jänner, zelebriert Diözesanadministrator Jakob Bürgler um 9.30 Uhr einen Gedenkgottesdienst im Innsbrucker Dom.
  • In der Kapelle des Sanatoriums Hoch-Rum wird am Sonntag, 29. Jänner um 9 Uhr des verstorbenen Bischofs gedacht. Abt Raimund Schreier zelebriert den Gottesdienst, der von der Sängerrunde Rum gestaltet wird.
  • Am Donnerstag, 26. Jänner um 21 Uhr ist auf Radio Tirol die Sendung "Erinnerungen – Gedanken von Bischof Reinhold Stecher" zu hören.

Reinhold Stecher ist vor vier Jahren, am 29. Jänner 2013 gestorben. Er war von 1981 bis 1997 Bischof der Diözese Innsbruck.

Bischof Reinhold Stecher (1921 - 2013)